Neue Jobs in der neuen Welt - ahd Blog

Neue Jobs in der neuen Welt


Neulich traf ich meine Bekannte Sabrina und ihre 15-jährige Tochter Nele nach langer Zeit einmal wieder. Sabrina und ich unterhielten uns eine Weile und irgendwann kam die Sprache darauf, dass Nele bald in die 10. Klasse kommt. „Toll“, sage ich, und wende mich an Nele „was willst du denn nach der 10. machen, weißt du das schon?“ Nele sagt: „Influencer“. Eigentlich hatte ich als Antwort „eine Ausbildung“, „Berufskolleg“ oder „Abi“ erwartet. Vor meinem geistigen Auge tauchen sofort Bilder von Kim Kardashian auf, eine der bekanntesten Vertreterinnen dieser Jobgruppe. Ich schaue Neles Mutter vorsichtig an, was hält sie wohl von diesem Berufswunsch? Sabrinas Gesichtszüge sind wie versteinert, schließlich ringt sie sich ein gequältes Lächeln ab. Nele hat bereits ihr Smartphone aus der Tasche gezogen, drückt und wischt ein wenig darauf herum und präsentiert mir ihren Instagram Account. Sie habe bereits 215 Follower, sagt sie stolz. Aus dem Augenwinkel beobachte ich Sabrina. Sie blickt verschämt zu Boden.

Was ist ein Influencer?

Influencer – laut Wikipedia sind das Personen, die aufgrund ihrer starken Präsenz und ihres hohen Ansehens in einem oder mehreren sozialen Netzwerken für Werbung und Vermarktung in Frage kommen. Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass das Leute sind, die fürs Nichtstun viel Geld verdienen. Hier mal ein Produkt in die Kamera halten, da mal ein paar Videos veröffentlichen, sich überall auf der Welt und idealerweise mit den richtigen Leuten ablichten lassen. Ein ordentlicher Schulabschluss, eine Ausbildung oder ein Studium sind da gefühlt nicht vonnöten. So ähnlich wie bei „Lottomillionär“.

Hobby oder Knochenjob?

Auf den zweiten Blick allerdings zeigt sich, dass das Berufsbild wohl eher in die Kategorie „Fußballprofi“ fällt – man benötigt nicht nur einiges an Talent, sondern muss auch sehr hart dafür arbeiten. Und zwar rund um die Uhr, jeden Tag aufs Neue.

Das allerwichtigste zuerst – das oberste Ziel eines Influencers ist es, Follower zu gewinnen. Dazu muss ein Influencer zunächst einmal auf sich aufmerksam machen, denn nur wer bekannt ist, kann letztendlich seine Bekanntheit dazu nutzen, eine (möglichst) breite Masse zu beeinflussen. Deshalb stellt sich der Influencer auf Instagram, Youtube und Co. der Welt und teilt sein Leben mit der Öffentlichkeit.

Styling

In der Regel spielt das Aussehen eines Influencers eine große Rolle, schließlich möchte man für Lifestyle-, Makeup- und Pflegeprodukte oder Kleidung werben. Deshalb sollte jeder Influencer bereit sein, sich intensiv mit dem eigenen Aussehen zu beschäftigen.

Soziale Kompetenz

Networking-Aufgaben nehmen einen großen Teil der Zeit eines Influencers ein. Ich kann mir vorstellen, dass das ein nicht zu unterschätzendes Maß an Diplomatie und Fingerspitzengefühl erfordert. Schließlich gilt es, mit vielen unterschiedlichen Personen und Charakteren umzugehen und diese zum „Fan“ zu machen. Schüchternheit ist ebenso wie mangelnde Geduld fehl am Platz. Denn zu Beginn einer Influencer-Karriere, wenn die Unternehmen noch nicht mit Vermarktungs-Aufträgen Schlange stehen, müssen diese selbst akquiriert werden.

Kreativität

Kreativität ist eine weitere wichtige Eigenschaft eines erfolgreichen Influencers – die Inszenierungen von Bildern und Videos sollten unterhaltsam und abwechslungsreich sein. Ein wenig schauspielerisches Talent schadet sicherlich auch nicht bei der Gestaltung der Filme – um aus der breiten Masse hervorzustechen, muss dem Zuschauer etwas geboten werden. Für die Fotografie und das Filmen selbst ist ebenfalls eine gewisse Begabung vonnöten. Licht, Kameraführung und Schnitt sowie „Spezialeffekte“ gehören bei den Beiträgen heutzutage einfach dazu, gute Qualität ist hier ein Muss.

Autor

Außerdem besitzt ein Influencer im Idealfall ein gewisses Maß an schriftstellerischem Talent – immerhin wollen Blogs und Online-Magazine regelmäßig mit Inhalten gefüllt werden, da sie zur Steigerung der Bekanntheit und der zu publizierenden (Werbe-) Botschaft essentiell sind. In diesem Rahmen ist es förderlich, sich im Bereich der SEO-Optimierung auszukennen – schließlich besteht das Hauptziel darin, gefunden zu werden.

Marketeer

Als Influencer ist es Pflicht, Vermarktungstalent zu besitzen, denn man bewirbt nicht nur Produkte, sondern immer auch sich selbst. Da in Deutschland Schleichwerbung nicht erlaubt ist, müssen alle beworbenen Artikel auch als solche gekennzeichnet sein – das erfordert Fleiß und Akribie, sonst drohen Abmahnungen. Diese lauern auch in dem Fall, dass man die Grundlagen der EU-DSGVO nicht kennt und unbeachtet lässt – schließlich geht es um die personenbezogenen Daten der eigenen Community.

Harte Arbeit. Und der Lohn?

Berücksichtigt man all diese Facetten wird klar, dass Influencer eigentlich ein Knochenjob ist, bei dem unzählige Begabungen und Kenntnisse sowie einiges an Durchhaltevermögen notwendig sind, um wirklich erfolgreich sein zu können. Bevor ein bestimmter Bekanntheitsgrad erreicht ist, lässt sich nicht unbedingt davon leben. Hat ein Influencer aber erst mal eine ausreichende Anzahl von Followern gesammelt und das Interesse der Unternehmen geweckt, die Testimonials für ihre Social-Media-Werbekampagnen suchen, sind die Verdienstmöglichkeiten gar nicht mal so schlecht.

„Cool“ sage ich, „wie Bibi oder Lisa und Lena?“ Nele nickt glücklich. Ihre Mutter wirkt wenig begeistert. Offensichtlich hat sie sich die berufliche Zukunft ihrer Tochter etwas anders vorgestellt. Mit einer traditionellen Ausbildung oder einem Studium. Das ist durchaus nachvollziehbar, denn das Berufsbild Influencer ist noch recht neu, es existiert kein formaler Ausbildungsweg und es gibt keinen anerkannten Abschluss. In mancher Hinsicht ist Influencer ein bisschen so wie „Künstler“: Ein (geregeltes) Einkommen ist nur dann garantiert, wenn das Werk des Schaffenden Anklang findet. Und dass eine solche Unsicherheit im Leben der eigenen Tochter einer Mutter Sorge bereitet, ist nachvollziehbar.

Job mit Zukunft?

Ob Nele letztendlich das Zeug zum erfolgreichen Influencer hat, weiß ich natürlich nicht, das wird die Zukunft zeigen. Fest steht aber, sie steht nicht alleine da mit ihrem Wunsch. Das Berufsbild entwickelt sich zu einem der Trend-Jobs im Zeitalter der Digitalisierung. In Berlin gibt es bereits die eine Influencer Marketing Akademie (IMA), an der sich angehende Social-Media-Werbeprofis im Rahmen von Workshops und Seminaren das notwendige Handwerkszeug aneignen können. Zusammen mit der Agentur für Arbeit hat diese Akademie außerdem Einzelcoachings konzipiert, die im Rahmen des Weiterbildungsgutscheins unter der Rubrik „Social Media Expert“ mit dem Schwerpunkt „Influencer Marketing“ abgerufen und besucht werden können. Dass das Berufsprofil als standardisierte Ausbildung oder Studium angeboten wird, ist offenbar nur noch eine Frage der Zeit.

Als ich mich von Nele und ihrer Mutter verabschiede, flüstert mir Sabrina verschwörerisch zu: „Vielleicht überlegt sie es sich ja nochmal, macht ihr Abitur und studiert danach was Richtiges“ sagt sie. Ich nicke. Wer weiß, vielleicht ist Influencer in ein paar Jahren ja „was Richtiges“.