Macht das Internet uns alle dumm?

||Macht das Internet uns alle dumm?

Macht das Internet uns alle dumm?


Neulich war ich auf einer Veranstaltung zum Thema Digitalisierung. Diskussionspunkt Nummer 1: Inwieweit nimmt die Digitalisierung Einfluss auf unser Leben und wie wollen wir unsere digitale Zukunft gestalten. Im Laufe des Workshops warf ein älterer Teilnehmer ein, dass das Internet uns alle dumm mache. Schließlich lese niemand mehr Bücher und das Allgemeinwissen der Bevölkerung ginge auch stark zurück. Man müsse sich also nichts mehr merken – googlen sei doch eh viel leichter und schneller.

Über diese Aussage musste ich erst mal eine Weile nachdenken. Stimmt das? Verblöden wir alle langsam aber sicher? Und ist das Internet die Quelle dieses Übels? Irgendwie hat der Mann ja recht. Man muss sich in der Tat nichts mehr merken. Denn mit Hilfe eines Smartphones kann man jederzeit und von überall die Antwort auf jede x-beliebige Frage erhalten. Suchmaschinen machen es möglich.

Was merke ich mir?

Bei Dingen, die man noch nie gewusst hat, ist das vielleicht kein großes Thema. Da muss man niemanden mehr nach der Antwort fragen oder mühsam in einem Buch nachschlagen. Information erhält man stattdessen schnell und unkompliziert online. Bei Antworten, von denen man weiß, dass man sie eigentlich kennt, die einem aber gerade nicht sofort einfallen, ist das sicherlich etwas Anderes. Grundsätzlich, so zeigen Studien, sinkt durch die Recherche im Internet die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich überhaupt etwas längerfristig zu merken. Machen wir das ständig so, wird, laut Experten, unser Gedächtnis nicht mehr trainiert. Seine Leistung in Bezug auf die Merkfähigkeit nimmt somit ab.

Sicherlich gibt es auch Sachen, die wir uns gar nicht mehr merken müssen, da sie keine wirkliche Relevanz für uns haben. Termine und Telefonnummern werden heutzutage im Smartphone gespeichert. Geburtstage von Bekannten, Freunden und Geschäftspartnern muss niemand mehr auswendig lernen. Dafür haben wir heute unsere Gedächtnisstützen Facebook, LinkedIn und Xing. Bei Bedarf kann man über die Social-Media-Plattformen auch gleich Geburtstagsgrüße verschicken. Einfach, bequem und digital.

Der amerikanische Gedächtnisforscher Gary W. Small hält diese Art der Wissensauslagerung nicht etwa für eine Bedrohung für unsere Intelligenz. Ganz im Gegenteil, er sieht sie als Chance. Denn so, sagt Small, werden größere Kapazitäten geschaffen, um neue Inhalte zu erlernen. Ich stelle mir das vor wie eine Computer-Festplatte, die man ab und an mal durch die Löschung von nicht mehr benötigten Dateien bereinigt. Anschließend wird sie defragmentiert, um so die Rechnerleistung zu verbessern.

Unsere Merk-Bereitschaft und unser Erinnerungsvermögen werden natürlich auch durch das generelle Interesse am Thema beeinflusst. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich mich an Themen, die ich spannend finde, sehr detailliert erinnern kann. Inhalte hingegen, die ich schon zehn Mal nachgeschlagen habe, wollen sich manchmal beim besten Willen nicht in meinem Gedächtnis verankern.

Informationen aus dem Internet

Im Internet an Informationen zu kommen, ist kein Problem. Ganz im Gegenteil. Man findet in der Regel mehr zu einem Thema, als man verarbeiten kann. Die Schwierigkeit liegt eher darin, richtige und relevante Informationen von den Falschen zu unterscheiden und zu trennen.

Dass die verfügbaren Suchmaschinen Algorithmus-basiert eine Vorauswahl treffen, ist kein Geheimnis. Die relevantesten Artikel zum gesuchten Thema werden dabei absteigend in einer Liste präsentiert. Google und Co. sind allerdings beeinflussbar, denn findige SEO-Optimierer beeinflussen durch geschickte Platzierung bestimmter Begriffe den Ergebnislisten-Rang zu ihren Gunsten. Da bleibt die Frage offen, wie subjektiv die präsentierte Relevanz tatsächlich ist. Hier ist ein kritischer Vergleich der unterschiedlichen Informationsquellen notwendig, um sich selbst ein Bild machen zu können und abzuwägen, was wichtig und richtig ist. Abhängig davon, wonach man gerade gesucht hat, ist blindes Vertrauen in die Ergebnisse einer Suche jedenfalls fehl am Platze. Das gilt insbesondere, wenn man nach komplexen Informationen gesucht hat.

Stressfaktor Internet

Eine weitere These zum Einfluss des Internets auf unsere Gehirnleistung besagt, dass die dauerhafte Reizüberflutung in einem permanenten Stresszustand resultiert. Unter Reizüberflutung wird dabei die ununterbrochene Konfrontation mit Webeanzeigen, Hyperlinks und Co. verstanden. Diese tauchen häufig über, unter, in und neben den Inhalten auf, die man eigentlich anschauen will. Laut dem US-amerikanischen Autor und Wirtschaftsjournalist Nicholas Carr hat das zur Folge, dass unsere Konzentrationsfähigkeit sinkt. Wir denken, wie z.B. beim Lesen eines Buches, nicht mehr lange und konzentriert über eine Sache nach, sondern werden ständig durch neue (aber nicht unbedingt relevante) Informationen abgelenkt. Seiner Meinung nach wird auf diese Weise die Fähigkeit, intensiv und tiefgründig über ein Thema nachzudenken, erheblich geschwächt.

Der These stehen allerdings wissenschaftliche Beobachtungen entgegen, die sich mit dem Phänomen der sogenannten Banner Blindness beschäftigen. Banner Blindness bezeichnet das bewusste oder unbewusste Ignorieren von Werbeanzeigen. Laut der Nielsen and Norman Group, einem führenden Forschungsunternehmen im Bereich der User Experience (UX), ein angelerntes Verhalten. Dabei filtert der Nutzer alle Informationen, die aufgrund der Platzierung oder Ausgestaltung Werbebotschaften sein könnten, und blendet sie aus.

Die Individuelle Ausgangslage ist entscheidend

Wenn man sich das Thema von verschiedenen Seiten anschaut wird schnell klar, dass es auf die Frage: Macht uns das Internet dumm? keine eindeutige Antwort gibt. Wissenschaftler der Universitäten Duisburg-Essen und München kamen bereits 2012 zum Schluss, dass nur der, der über einen gewissen Grad an Bildung verfügt, über das Internet weiter Wissen sammeln und seine soziale Position stärken kann. Personen mit niedrigem Bildungsniveau und einer schwierigen sozioökonomischen Ausgangslage, so die Experten, sammelten im Internet vergleichsweise weniger kulturelles Kapital. Was unter anderem zur Folge hätte, dass ihre soziale Position sänke. Übersetzt heißt das für mich: das Internet macht schlaue Leute schlauer und dumme Leute nicht. Auch wenn diese mit Antworten brillieren können, die sie mal eben gegoogelt haben.

Knowledge on Demand

Aber das ist aus meiner Sicht nicht die Schuld des Internets, denn es ist weder gut noch böse. Das Medium selbst macht nicht dumm, hierfür ist meiner Meinung nach in erster Linie eine falsche Nutzung verantwortlich. Ist man in der Lage, geschickt mit dem Medium umzugehen, können das interne Wissen eines Individuums mit externen Informationen aus dem Internet so gekoppelt werden, dass eine unglaubliche Wissensbasis entsteht, die in einer Art „Knowledge on Demand“-Modell skalierbar ist. In diesem Denkmodell spielen Erinnerungsvermögen und Konzentrationsvermögen eine weniger wichtige Rolle als die Fähigkeit, Transferleistung zu erbringen.

Transferleistung – das A und O?

Und das ist wohl der Knackpunkt. Bedarf es eines besonderen Talents, eben diesen Transfer zu leisten? Oder kann das jeder erlernen, wenn man es ihm nur früh genug beibringt? Moderne Unterrichtskonzepte in der Schule sind heute genau darauf ausgelegt. Dass sich so mancher Schüler allerdings schwerer damit tut, Regeln zur Rechtschreibung anzuwenden als einfach einzelne Wörter (auswendig) zu lernen, zeigt die (Eltern-) Kritik am Lernkonzept „Schreiben durch Hören“. Das bedeutet aus meiner Sicht aber keinesfalls, dass Kinder, die mit der Fibelmethode besser rechtschreiben, weniger intelligent sind. Sie lernen einfach nur anders.

Überträgt man diese Überlegung auf die Frage, ob das Internet uns dumm macht, lautet die Antwort: es gibt Personen, die, warum auch immer, die Möglichkeiten des Internets besser für sich ausschöpfen können als andere. Mit Intelligenz oder Dummheit hat das meiner Meinung nach nicht unbedingt etwas zu tun.

Bewusst Entscheidungen treffen

Zu Beginn des Jahres war mein Internetanschluss für 9 (!) Tage gestört. In der Zeit konnte ich weder telefonieren noch fernsehen noch mit meinem Laptop im Internet surfen. Mit dem Smartphone habe ich natürlich einiges davon abgefangen, ein wirklich adäquater Ersatz war es aber nicht. Eine positive Nutzererfahrung sieht jedenfalls anders aus.

In diesen unendlich lang erscheinenden 9 Tagen ist mir bewusst geworden, wie sehr ich mich an das Internet und seine ständige Verfügbarkeit gewöhnt habe. Und wie abhängig ich manchmal davon bin. Ich habe beschlossen, dass ich das nicht mehr möchte. Seitdem treffe ich jedes Mal die Entscheidung, ob ich das Internet zur Beschaffung von Informationen nutzen möchte oder ob ich einen anderen Weg gehe.

Selektive Nutzung

Ich für meinen Teil finde es gut, dass ich bestimmte Dinge, die mich interessieren, weiß und merke sie mir deshalb bewusst. Es macht mir Spaß, ohne digitale Hilfe Wissensfragen, z.B. bei Trivial Pursuit, beantworten zu können. Gleichzeitig finde ich es begrüßenswert, dass ich keine Karten mehr lesen können muss, um von A nach B zu gelangen. Ich stehe nicht mehr vom Sofa auf, um die DVD zu wechseln, sondern streame bequem und einfach ganze Serienstaffeln. Ich spare eine Menge Zeit, da ich bestimmte Inhalte nicht mehr mühsam analog recherchieren muss. Manchmal fehlt mir aber das Gefühl der Freude und des Triumphes, wenn ich nach dem langen Weg in die Bibliothek in den endlosen Regalreihen endlich die Information gefunden habe, nach der ich gesucht hatte. Deshalb greife ich ab und an wieder ins Bücherregal.

Ich nutze also das Internet gezielt für meine Zwecke (aus), und damit fahre ich bis dato sehr gut. Ob mich das dümmer oder schlauer macht – keine Ahnung. Ich persönlich finde es ziemlich clever.

PS: In diesem Artikel wurden ausschließlich das Wissen der Autorin und Informationen aus dem Internet verwendet.

Unsere Produktmanagerin Patricia arbeitet seit 2 Jahren bei der ahd. Sie hat einen Magister in den Fächern Anglistik, Amerikanistik und BWL. Sie beschäftigt sich mit Produkten und Lösungen rund um die Themen Managed Services, Cloud und Digitalisierung.

2018-10-04T10:49:30+00:004. Oktober 2018|ahd Kolumne|

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